Hodscha Abdulkerim Ünal spricht im dritten und letzten Teil des Mittendrin-Interviews über seinen Alltag, persönliche Leidenschaften und die Frage, was einen guten Menschen ausmacht.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag eines Hodschas aus?
Der Tag beginnt mit dem Morgengebet. Die genaue Zeit verändert sich im Laufe des Jahres, weil sie vom Sonnenstand abhängt. Im Moment stehe ich gegen fünf Uhr auf, bereite das Morgengebet vor und beginne den Tag mit der Gemeinde. Wenn die Tage länger werden, wird das Morgengebet früher, im Winter etwas später.
Und dann?
Der Tag ist durch die Gebetszeiten strukturiert: Morgengebet, Mittagsgebet, Nachmittagsgebet, Abendgebet und Nachtgebet. Dazwischen gibt es viele andere Aufgaben. Vorbereitung, Gespräche, Unterricht, Gemeindefragen und bei den Unternehmungen bin ich ja auch noch gerne dabei.
Das klingt nicht nach einem klassischen Acht-Stunden-Tag.
Nein, ein Imam hat keinen klassischen Arbeitstag. Die Moschee ist an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Die Gebetszeiten sind fest. Dazu kommen Unterricht, Kurse, Gespräche, Trauergebete, Hochzeiten, Krankenbesuche und viele Fragen aus der Gemeinde. Manchmal geht es um Religion, manchmal um Familie, Schule, Alltag oder Sorgen. Es ist sehr unterschiedlich – und das gefällt mir!

Gibt es trotzdem freie Zeit?
Ja, aber man muss sie gut nutzen. Wenn zwischen zwei Gebetszeiten ein paar Stunden frei sind, kann man etwas unternehmen. Es gibt auch Vertretungen, wenn ich mal krank werde oder Urlaub mache. Die Gemeinde unterstützt mich sehr. Aber die Verantwortung bleibt natürlich.
Offiziell bleiben Imame aus der Türkei nur eine begrenzte Zeit in Deutschland. Wie ist das bei dir?
Die normale maximale Dauer beträgt fünf Jahre. Das ist von Anfang an klar. Das hat Vorteile und Nachteile. Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Man lernt Menschen kennen, die Sprache, die Umgebung. Die Kinder gehen hier zur Schule, schließen Freundschaften, wachsen hinein. Man schlägt Wurzeln. Aber irgendwann kommt dann auch der Zeitpunkt, an dem man zurückkehren muss. Ich schätze, das wird nicht leicht.
Was machen Sie, wenn Sie wirklich mal frei haben?
Ich habe hier das Billardspielen für mich entdeckt. Es gibt hier in den Moscheeräumen einen Tisch und ich kann nur sagen: Das macht großen Spaß! Außerdem fahre ich gerne Fahrrad, das hatte ich ja schon erwähnt.

Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit besonders wichtig?
Religion bedeutet für mich nicht nur, etwas auswendig zu lernen oder Regeln zu erklären. Es geht darum, Menschen zu begleiten. Im Alltag, in schwierigen Situationen, bei Fragen und auf ihrem Weg. Die Moschee ist darum für mich nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein Ort der Verantwortung. Wer hierherkommt, soll Unterstützung finden – bei religiösen Fragen, aber auch im Leben.
Am Ende geht es darum, ein guter Mensch zu sein. Ehrlich zu sein, hilfsbereit zu sein, aufmerksam zu sein. Das ist ein Weg. Und auf diesem Weg versuchen wir, einander zu begleiten.
Das passt gut zu Lohberg.
Ja. Das finde ich auch.
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