Seit rund anderthalb Jahren lebt Abdulkerim Ünal mit seiner Familie in Lohberg. Er ist Imam der DITIB-Moschee. Im Gespräch mit Mittendrin erzählt er vom Ankommen, seiner Arbeit, den Tücken der deutschen Sprache und was er an Lohberg liebt.

Abdulkerim, du lebst seit rund anderthalb Jahren mit deiner Familie in Lohberg. Wie findet Ihr es hier?
Vor unserem Umzug nach Deutschland waren wir natürlich etwas angespannt. Ein anderes Land, eine andere Kultur, eine neue Umgebung. Da hat man viele Fragezeichen im Kopf. Aber wir sind hier sehr herzlich empfangen worden – in der Gemeinde, aber auch in der Nachbarschaft. Lohberg ist sehr familiär, die Leute hier haben es uns leicht gemacht.
Du bist mit der ganzen Familie gekommen?
Ja, meine Frau und meine beiden Söhne leben auch in Lohberg. Die Kinder sind sechs und zehn Jahre alt und gehen in die Marienschule. Ein Wahnsinn, wie schnell sie die Sprache lernen, da sind sie mir schon weit voraus. Kinder haben es da leichter.

Was ist so schwierig an der deutschen Sprache?
(Abdulkerim lacht): Ich habe neulich noch eine Comedy-Sendung gesehen, da hieß es, die deutsche Sprache sei dafür erfunden worden, dass niemand sie lernen könne. Ich gebe zu: Die Artikel der, die, das, das ist echt hart. (Anmerkung von Mittendrin: Das Türkische kennt kein grammatisches Geschlecht).
Aber es reicht für einen Grundwortschatz, ich habe vor der Ausreise schon Deutsch gelernt und sogar eine Prüfung abgelegt. Beim Einkaufen oder bei einfachen Dingen komme ich zurecht. Schwierig wird es, wenn jemand sehr schnell spricht, da komme ich noch nicht mit.
Das klingt so, als seist du schon voll dabei und kennst auch deutsche Schimpfwörter …
(Lächelt) Sagen wir so: Die gehören nicht zu meinem Repertoire. Und selbst wenn ich welche kennen würde, würde ich sie hier nicht sagen.

Wie wird man eigentlich Imam in einer Gemeinde in Deutschland? Wird man geschickt oder bewirbt man sich?
Man bewirbt sich freiwillig. Es ist ein längerer Prozess mit mehreren Stufen: Sprachkurs, schriftliche Prüfung, persönliche Gespräche und fachliche Fragen. Es wird geprüft, ob man für diese Aufgabe geeignet ist.
Die Gemeinden in Deutschland melden ihren Bedarf. Dann werden Imame ausgewählt. Es ist also nicht so, dass jemand einfach bestimmt: Du gehst jetzt nach Deutschland. Das war unsere freie Entscheidung.
Was zog euch ins Ausland?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Es ist eine große Erfahrung – für mich persönlich, aber auch für meine Familie. Man lernt eine neue Sprache, neue Menschen, eine andere Kultur kennen. Das erweitert den Horizont.
Für meine Kinder finde ich das besonders wertvoll. Sie wachsen hier mit einer weiteren Sprache auf, gehen hier zur Schule und lernen ein anderes Leben kennen.
Außerdem möchte ich die Gemeinde unterstützen. Viele Familien leben seit einer, zwei oder mehreren Generationen in Deutschland. Ich möchte dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche ihre Verbindung zur religiösen Gemeinschaft leben können.
Warum Deutschland?
In Deutschland gibt es einfach sehr viele türkisch-muslimische Gemeinden und viele Moscheen. Der Bedarf an Imamen ist groß. In manchen anderen Ländern sind die Regeln anders oder die Möglichkeiten begrenzter. Deshalb war Deutschland eine gute und naheliegende Möglichkeit.


Welche Erwartungen hattest du an Deutschland?
Ich hatte schon bestimmte Bilder im Kopf. Deutschland steht für Ordnung, Struktur und Disziplin. Vieles davon hat sich bestätigt. Zum Beispiel im Straßenverkehr. Die Regeln sind klar, und die Menschen halten sich meistens daran. In der Türkei gibt es natürlich auch Regeln, aber sie werden im Alltag anders gelebt.
Du kommst aus Ankara, einer Millionenstadt. Was ist in Lohberg anders?
Hier ist es deutlich ruhiger und überschaubarer, man kennt sich und passt aufeinander auf. Ich schätze besonders die Sicherheit. Die Kinder können rausgehen und spielen, das ist doch herrlich! Man macht sich weniger Sorgen als in einer riesigen Stadt. Das ist für eine Familie sehr wertvoll.
Gibt es etwas, das euch hier in und um Lohberg besonders gut gefällt?
Die Möglichkeiten, sich draußen zu bewegen. Fahrradfahren zum Beispiel. In einer Großstadt wie Ankara ist das nicht überall einfach. Hier kann man sich aufs Rad setzen und kilometerweit durch üppige, grüne Waldgebiete fahren. Das gefällt mir sehr.
Auch für die Kinder ist es schön. Mein Sohn spielt Fußball bei RWS. Es gibt so viele Möglichkeiten, aktiv zu sein.
Gibt es etwas, das ihr vermisst?
Wenn ich ehrlich bin, die Lebendigkeit am Abend. In der Türkei ist abends mehr los. Die Menschen sind draußen, die Geschäfte sind länger offen, man trifft sich spontan. Diese Offenheit und Herzlichkeit im Alltag vermisse ich manchmal. Das Leben mit und in der Lohberger Gemeinde fängt das aber gut auf. Das ist etwas sehr Schönes.
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