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“PATRIDIOTEN” ist der neu erschienene Thriller des Schriftsteller-Duos Jens E. Gelbhaar und Mart Wolff. Der Roman führt in die Abgründe des Niederrheins, zu Schauplätzen wie Dinslaken-Lohberg und nach Hiesfeld, wo eine vermeintlich harmlose Gruppierung namens „Die gute Heimat bewahren e.V.“ ihr Unwesen treibt. Hinter der Fassade von Tradition und Brauchtum verbergen sich „beinharte Faschisten“, die von einem im Hintergrund agierenden Millionär finanziert werden. 

Mit einer Mischung aus regionalem Lokalkolorit und bissiger Satire zeichnet das Buch ein beklemmendes Bild einer drohenden politischen Gefahr von rechts. Verpackt in ein Gewand aus Hochspannung, Blut und einem Humor, der so schwarz ist wie die Flöze unter Lohberg.

Am vergangenen Freitag luden die Schriftsteller hinter PATRIDIOTEN zu einer Lesung im Theater Halbe Treppe in Lohberg ein. Zuvor traf ich den Autor und Fotografen Jens E. Gelbhaar zu einem Interview. 

Soziale Abgründe und Schicksale am Niederrhein

Im Theaterraum ist es 20 Minuten vor Beginn der Lesung bereits voll, das ehemalige Lehrerzimmer muss mit mehr Stühlen bestückt werden. Die über 40 Lesungsgäste zwischen 16 und 76 Jahren finden schnell alle Platz.  

Das Autorenteam, bestehend aus Jens E. Gelbhaar und Mart Wolff (Nom de Plume), bahnt sich pünktlich seinen Weg auf die Bühne. “Wir haben heute erst in einem Telefonat besprochen, wie wir das hier heute Abend machen.”, gesteht Gelbhaar. 

Er eröffnet die Lesung, indem er ein Foto des historischen Kiosks an der Hünxer Straße an die Bühnenrückwand beamt, er freut sich, dass es die heutige Blaue Bude noch gibt. 

Ich mag dieses Kaff richtig, richtig gerne.”, schwärmt Gelbhaar von Dinslaken. Er lebte selbst jahrelang hier gegenüber des Theaters Halbe Treppe und ist noch heute Stammgast bei Ilhan’s Flammgrill, wo er schon 1989 die legendären Brathähnchen genoss.

„Es gibt unheimlich viele spannende Orte, die es zu entdecken gibt hier […] wahnsinnig viele tolle Ecken, die man für so einen Krimi sehr gut verwenden kann.“, findet Gelbhaar. 

Mart Wolff, die PATRIDIOTEN unter diesem Pseudonym veröffentlicht, verrät so viel über sich, dass sie eine “Anwältin für Pleiten, Pech und Pannen” ist, ihre Kanzlei führt sie in Viersen. Zuvor hat sie Bücher verschiedener Genres unter ihrem Klarnamen veröffentlicht. 

Für Gelbhaar war es eine Premiere, einen Kriminalroman zu schreiben, weshalb er Unterstützung suchte. Die Schreibpartnerschaft mit Wolff entstand 2005 online über die Plattform Opinio des Spiegels. Die ersten 13 Seiten von PATRIDIOTEN schrieb Gelbhaar, danach übernahm Wolff und so ging es weiter, bis die 358 Seiten geschrieben waren. Beziehungsweise über 558, die Wolff um die 200 Seiten kürzte. 

Gelbhaar berichtet, dass er und seine Co-Autorin sich schon beim Schreiben über bestimmte Figuren „kaputtgelacht“ haben – dieser humorvolle Blick auf die Welt und sich selbst hilft dabei, auch ernste Themen wie lokalen Rechtsextremismus greifbar zu machen

Rechtsextremismus unter dem Deckmantel der Heimatpflege

Der Buchtitel PATRIDIOTEN ist ein neu geschöpftes Kofferwort aus “Patrioten und Idioten” und steht für die Unterwanderung durch rechtsextreme Ideologien. “PATRIDIOTEN, das sind patriotische Idioten.”, erklärt Gelbhaar.

„Wir haben das ein bisschen satirisch angepackt […] aber es wird schon ganz klar gesagt: Leute, das ist die Gefahr, in der wir leben und die uns allen droht.“, so Gelbhaar. 

Wolff gibt der Zuhörerschaft nun zuerst eine kurze Inhaltsangabe, um das Setting und die wichtigsten Handlungsstränge zu verdeutlichen: Es geht um eine Mordserie in Dinslaken, Hünxe und Voerde. Unter dem Deckmantel des Heimatschutzes verübt eine Gruppierung namens “Die Freien” Anschläge am Niederrhein und veröffentlicht Videos von hinter Guy-Fawkes-Masken versteckten Akteuren. 

Die Autoren nehmen das Publikum anschließend mit an verschiedene Tatorte aus dem Buch. Eine Wasserleiche wird bei Rheinkilometer 799 in Voerde gefunden. Ein anderes Opfer hängt am Rotorblatt einer Windkraftanlage in Lohberg.

Das Gespannt lässt die Protagonisten durch verstellte Stimmen zum Leben erwachen: Hauptkommissar Terhorst von der Kripo Duisburg steht 212 vor der Rente und geht mit einer beachtlichen Resignation an die Arbeit. Seine Nachfolgerin in Wartestellung, die Kommissarin Boryana, ist genervt von dem aus der Zeit gefallenen Kollegen, der die Ermittlungen nicht im Griff zu haben scheint.

„Der Ton, in dem wir schreiben, der ist dann eben doch auch ein bisschen volkstümlich, ein bisschen mehr Ruhrpott, ein bisschen mehr Niederrhein.“, findet Gelbhaar. 

Mit ausreichend Selbstironie zeichnen sie teilweise im Ruhrpott-Slang ein realistisches, liebevolles Bild der Region und ihrer Einwohner:innen, bringen einander und die Zuhörerschaft immer wieder zum Lachen. 

Das Böse hat zwei Gesichter

Die Handlung entfaltet sich zwischen bürgerlicher Idylle und dem „absolut Bösen“, das bis in die höchsten gesellschaftlichen Kreise reicht. Zwei gegensätzliche Lager repräsentieren diese Bedrohung: die plumpen „Dorfdeppen“ der Heimatvereine, volkstümliche Neonazis und die finanziell mächtige Elite, die mit kühlen Strategien im Geheimen die Fäden zieht. 

Ich mag Leute, wie sie sind, in all ihrer Vielfalt […] ich kenne die letzten Assis, aber ich kenne auch persönlich ein paar Leute, die ein paar Millionen auf der Kante haben. Ich weiß, wie die Leute ticken.“, was Gelbhaar als wichtige Ressource für seine schriftstellerische Tätigkeit ansieht. 

Pervertierung der Ordnung: Die Mandala-Morde

Im Thriller wird die Blume des Lebens zur Blume des Todes. Ein Symbol, das Harmonie verspricht, markiert hier den Weg einer blutigen Spur durch den Niederrhein. Das Symbol der Unendlichkeit wird zum Todesurteil. Bei jedem Opfer wird das Mandala hinterlassen

Ein brillanter Schachzug von Gelbhaar und Wolff: Sie nehmen ein Symbol, das eigentlich für Heilung und Verbindung steht, und lassen es von Menschen missbrauchen, die unter „Verbindung“ die Ausgrenzung und Vernichtung des „Anderen“ verstehen.

Der Kampf um die Freiheit des Wortes

Gelbhaar und Wolff betonen, dass ihr Buch „politisch höchst unkorrekt“ sei. In einer Zeit, in der Diskurse oft vorsichtig geführt werden, wählen sie den Frontalangriff. Literatur darf und muss wehtun, sie muss provozieren und darf sich nicht vor „Heimatwächtern“ oder finanziell mächtigen Hintermännern wegducken.

Das Autorenteam hinterfragt gekonnt, was „Heimat“ eigentlich bedeutet. Für die Antagonisten in PATRIDIOTEN ist es ein exklusiver, mörderischer Club; für das Schriftsteller-Duo ist es ein Raum, der durch Vielfalt, aber durch seine hässlichen Ecken definiert wird. Sie entzaubern den Heimatbegriff der Rechten

Das leise Erodieren von Zivilisation

Die Leserschaft erwartet Hochspannung und Gefahr, reale Geschichten an Schauplätzen um die Ecke, verwebt mit fiktiven Elementen. Spott, Übersteigerung und satirische Elemente dienen als Stilmittel, um Missstände zu kritisieren

Die Liebe ist die stärkste Kraft der Welt.” zitiert Gelbhaar am Ende der Lesung Gandhi. PATRIDIOTEN stellt die Kraft der Verbindung gegen die zerstörerische Kraft des Hasses und sensibilisiert für die Infiltration des Fanatismus im kleinen und großen Stil. Das Buch ist eine Einladung, mit offenen Augen und offenem Herzen durch Dinslaken und die Welt zu gehen. Jeder von uns kennt schließlich so einen PATRIDIOTEN.

Wer nun Lust bekommen hat, PATRIDIOTEN selber zu lesen, kann ein signiertes Exemplar nach einer der nächsten Lesungen am 23. April in der Stadtbibliothek Voerde, am 15. Juni im K14 in Oberhausen im Rahmen der Reihe “Mord am Montag” oder online, z.B. hier direkt beim Verlag, kaufen.