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Wie bitte? Welches Fördergerüst schöner ist? Für Norbert Bruckermann, einen alten Lohberger Hauer und Kämpfer für den Erhalt des Gerüsts, war schon allein die Frage eine Frechheit. In einem Gastbeitrag für Mittendrin erklärt er, warum Gerüst mit Seilscheiben für ihn unverzichtbar ist.

Von Norbert Bruckermann

Philipp aus der Mittendrin-Redaktion hat kürzlich auf der „Lohberg mittendrin“-Facebook-Seite gefragt, welches Fördergerüst schöner ist: Das aktuelle Skelett oder das alte Wahrzeichen Lohbergs mit den acht Meter großen Seilscheiben.* Für mich war schon die Frage ein Unding. Die übrigen Reaktionen auf Facebook gaben mir Recht. Als Philipp mich dann bat, einen Artikel für „Lohberg mittendrin“ zu schreiben, warum das alte Gerüst ein „Heiligtum“ ist, stimmte ich sofort zu.

Eine ganze Generation kennt die Bedeutung des Gerüsts nicht

Anschließend begann ich mit dem Sammeln meiner Gedanken: Wie konnte jemand dieses Stahl-Skelett schön finden? Dann wurde mir bewusst, dass der letzte Arbeitseinsatz des Gerüstes inzwischen 13 Jahre her ist. Eine ganze Generation Dinslakener ist seitdem aufgewachsen, ohne die einstige Bedeutung des Gerüstes für Lohberg oder auch ganz Dinslaken persönlich je erlebt zu haben. Viele Menschen sind seither nach Dinslaken zugezogen, auch sie kennen Lohberg allenfalls von Extraschicht, Bergpark und schlimmstenfalls von den Salafisten-Reportagen aus dem Fernsehen.

Für alle diese Menschen ist es wohl sehr wichtig, an die Entstehung und die Glanzzeiten des Gerüstes zu erinnern. Einst ragte es – nachts hell angestrahlt – über den ganzen Stadtteil Lohberg. Die drehenden Seilscheiben zeigten bereits aus großer Entfernung, dass untertage alles lief: Keine große Störung bremste den Kohlestrom zu Tage, vierzigmal pro Stunde zogen die linken beziehungsweise rechten Seilscheibenpaare ihre Förderlast aus etwa 900 Metern nach oben.

Seilscheiben als Zeichen für Wohl und Wehe

Wenn mal etwas nicht gut lief, dann waren die Seilscheiben ein erstes Zeichen. Die Kumpel, die auf dem Weg zur Arbeit waren, blickten während des Weges zur Kaue eigentlich immer auf die vier Räder. Lange Pausenzeiten oder gar absoluter Stillstand über mehrere Minuten versprachen schon eine unruhige Schicht. Ob der Mann pünktlich von der Schicht nach Hause kommen würde – für die Gattin manches Obersteigers auf der Casino- oder Haldenstraße waren die Seilscheiben soviel wert wie ein Anruf. Die vier Räder bestimmten den Alltag der Menschen in ganz Lohberg – die Bewohner Lohbergs waren ja früher fast mit der Belegschaft der Zeche gleichzusetzen.

Die Facebook-Umfrage von Mittendrin (8 Prozent fanden das nackte Gerüst schöner, 92 Prozent den Klassiker) zeigte aber deutlich, dass auch für Dinslakener aus den anderen Ortsteilen der 70-Meter-Koloss ein Symbol für Lohberg ist, für die Geschichte des Ortes. Lohberg wäre ohne die Zeche vielleicht bis heute ein kleiner Hügel zwischen Hiesfeld und Bruckhausen.

Ohne dieses Gerüst war der Wohlstand in Dinslaken kaum denkbar

Das Gerüst symbolisiert den Wandel der Zeche in den 50er Jahren von einer damals „normalen“ Zeche wie es sie nahezu hundertfach im Ruhrgebiet gab, zu einer der wenigen „Großschachtanlagen“. Binnen weniger Jahre explodierte die Förderleistung von 4000 Tonnen Kohle auf 13.000 Tonnen pro Tag. Die Belegschaftszahl stieg auch deutlich: Fast 6000 Menschen haben einst an diesem Standort gearbeitet. Bedenkt man, dass Familien öfter viel größer waren als heute, waren also mindestens 20.000 Dinslakener direkt von der Zeche abhängig (Autos für weitere Arbeitswege von Auswärtigen waren damals eher selten). Zu dieser Zeit lebte also nahezu die Hälfte der zu der Zeit etwa 50.000 Dinslakener direkt vom „schwarzen Gold“ aus Lohberg. In dieser Boom-Phase der Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg stand das Gerüst über Schacht 2 für Wohlstand.

Aber ich fragte mich bei den Überlegungen für den Artikel auch, warum ich das „Seilscheiben“- Gerüst überhaupt gegen dieses „Designer“-Skelett verteidigen sollte. Ich habe mich dafür entschieden. Diese „Künstler“ haben im Ruhrgebiet nicht zum ersten Mal Symbole der Arbeit durch ihr Zutun „entstellt“. Wie schmerzhaft muss es für die Kumpel in Lünen gewesen sein, als ein Künstler namens Colani an Schacht 4 der Zeche Minister Achenbach oberhalb der Seilscheibenbühne den Schneidbrenner ansetzen ließ und ein „Ufo“ auf das Gerüst setzte. Realistisch betrachtet würde es ohne das „Ei“ heute kein Andenken an Minister Achenbach mehr geben – das Gerüst alleine hätte es wohl nicht zu Denkmalschutz gebracht.

Neu-Designs als Schlag ins Gesicht der Kumpel

Ich bin vielleicht Kunstbanause, aber der Designer-Gipfel ist der „Herkules von Gelsenkirchen“. Dass man aus dem alten Förderturm der Zeche Nordstern die Konzernzentrale eines Immobilienunternehmen macht, ist eine sinnvolle Nachnutzung, aber dieses Alu-Gebilde auf dem kubischen Bau von Welterbe-Architekt Fritz Schupp ist schon ein Schlag ins Gesicht der alten „Nordsterner“, den man Gelsenkirchen und dem Ruhrgebiet hätte ersparen können.

Dass es anders geht, zeigen zum Beispiel die alten Zechen Minister Stein (Dortmund) und Zollverein 10 (Essen), wo die einstigen Zugänge in die Tiefe neue Aufgaben übernommen haben und trotzdem der alte architektonische Charakter nicht zerstört wurde.

Genauso wünsche ich es mir für Lohberg 2: Unter dem aktuellen Skelett entsteht in einigen Jahren ein neues Gebäude für die zentrale Wasserhaltung des ganzen Ruhrgebiets. Warum gibt man diesem Gebäude nicht (zumindest in der Ansicht von der Hünxer Straße) wieder die kubische Form des Schupp-Bauhaus-Stils? Große Glasfronten (auch die hatte die alte Schachthalle ja auf dieser Seite ursprünglich) könnten einen offenen Blick in die einst „verbotene Stadt“ gewähren. Verbindet man dann dieses Gebäude wieder über ein nachgebautes „Führungsgerüst“ mit der unteren Seilscheibenbühne, wäre der ursprünglich vom Architekten gewünschte Gesamteindruck wieder vorhanden.

Wie wäre es mit einem gigantischen Aussichtsturm für Lohberg?

Außerdem böte sich die fantastische Möglichkeit zu einem gigantischen Aussichtsturm, der bei Führungen oder ähnlichem an der Grenze von Ruhrgebiet und Niederrhein eine großartige Sicht in beide Regionen bieten würde – aber bitte mit Seilscheiben. Dass die Seilscheiben die größten ihrer Art in Deutschland – vermutlich sogar Europa – sind, sei nur noch als Ergänzung erwähnt….

* Anmerkung der Redaktion: Im Kern der Frage nach dem schöneren Gerüst stand eine Umfrage unter Grafikern und Designern, welche Form sie unter modernen Gesichtspunkten für die schönere halten. Hier >>> geht es zum Ergebnis.

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